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Pomologen-Verein e.V.

Bericht von der Herbsttagung 2018

Vom 31. August bis zum 2. September fand die diesjährige Herbsttagung und Mitgliederversammlung des Pomologen-Vereins in Potshausen/Ostfriesland statt.

Auch diesmal wurde das Zusammentreffen wieder dazu genutzt, um die Vereinsmitglieder sowie weitere interessierte Besucher mit Fachvorträgen über pomologische Themen zu informieren sowie die Tagungstage zum Austausch untereinander zu nutzen. Als Tagungs- und Veranstaltungsort wurde das „Evangelische Bildungszentrum Ostfriesland-Potshausen“ gewählt.

Nach der Vorstandssitzung am Freitagnachmittag fanden am Abend die ersten Fachvorträge für alle Tagungsbesucher statt.

Pomarium Frisiae im Ökowerk Emden (Foto: Heinz Halfwassen)

Der erste Vortrag war betitelt „Neuigkeiten aus dem Ökowerk Emden“. Nach einer kurzen Einführung durch Detlef Stang, den Geschäfts­führer des „Ökowerks Emden“, erfuhren die Zuhörer durch eine Präsentation des ameri­kanischen Genetikers Dr. Nick Howard von dessen u. a. im Ökowerk durchgeführten Forschungs­arbeiten. Dr. Nick Howard versucht mit Hilfe von genetischen Untersuchungen die Verwandt­schafts­verhältnisse von Apfelsorten zu entschlüsseln. So konnte er beispielsweise nachweisen, dass die amerikanische Sorte „Honeycrisp“ aus einer Kreuzung der Sorte „Keepsake“ mit der Zuchtkreuzung MN1627 abstammt, die wiederum aus einer Kreuzung der Sorten „Duchess of Oldenburg“ und „Golden Delicious“ entstanden ist, sodass letztere auch Großeltern der Sorte „Honeycrisp“ sind.

Obstzüchtungsprojekt „apfel:gut e.V.“ (Foto: apfel:gut e.V.)

Im zweiten Vortrag des Abends wurde von der Biologin Maren Bornemann das ökologische Obstzüchtungsprojekt „apfel:gut e.V.“ vorgestellt. Ziel der Projektmitglieder, die auch Obstbauer sind, ist es, vitale für den ÖkoObstbau geeignete gesunde Sorten zu züchten, sodass der Einsatz von ökologischen Pflanzenschutzmitteln minimiert oder weitestgehend darauf verzichtet werden kann. Dazu wird eine alte mit einer neuen Apfelsorte gekreuzt. Man nutzt dazu eine alte Sorte, die meist noch nicht in der Züchtung verwendet wurde, und die nach langer Beobachtung aufgrund ihrer Vitalität und ihres Aromas ausgewählt wurde. Der Kreuzung folgt dann die Arbeit der Selektion in verschiedenen Stufen. In der 1. Selektionsstufe werden geeignete gesunde Sämlinge ausgewählt, die dann in der 2. Selektionsstufe umgepflanzt werden, um Früchte zu tragen. Interessante Bäume werden dann abveredelt und in einer 3. Selektionsstufe auf Ertragsverhalten unter Anbaubedingungen des ÖkoErwerbsobstbaus getestet. Erst wenn nach dieser Prüfung (die mindestens 5 Jahre dauert) Erfolg versprechende Sorten dabei sind, können diese angemeldet werden, um sie in den Handel zu bringen. Auch diese Prüfung dauert 5 Jahre, sodass für die Entwicklung einer neuen Apfelsorte insgesamt mit 20 Jahren gerechnet wird.

Exkursion zur „Noordelijke Pomologische Vereniging“ (NPV)

Der Samstag war geprägt von der Exkursion nach Frederiksoord in den Niederlanden, wo man die „Noordelijke Pomologische Vereniging“ (NPV) und deren Fruithof besuchte. Dort pflegt die NPV auf einer 8 Hektar großen Fläche ca. 800 Apfel-, 300 Birnen-, 80 Pflaumen- und einige Quittensorten. Einzigartig ist dort auch eine 750 Meter lange Birnenallee. Bei einer informativen Führung über das Gelände des Fruithofs bestand für die Mitglieder des Pomologen-Vereins die Möglichkeit, eine Auswahl der dortigen Sorten zu begutachten sowie bei den bereits reifen Sorten auch deren Geschmack zu testen.

Exkursion zur „Noordelijke Pomologische Vereniging“ (NPV)

In einem Vortrag des 1. Vorsitzenden der NPV, Tammo Katuin, wurden die Geschichte und die Schwerpunkte der Arbeit der NPV erläutert. Hierbei wurde auch das internationale Birnen­projekt (IPP) vorgestellt. Interessant waren weiterhin die Ausführungen zur langen Tradition der Verwendung von Kochbirnen bei altüber­lieferten Gerichten in den Niederlanden.

 
Obstsortenbestimmung von Mitgliedern der Pomologischen Kommission

Nach der Rückkehr von der Exkursion bestand die Möglichkeit, sich im Tagungsraum von Mitgliedern der Pomologischen Kommission mitgebrachte Obstsorten bestimmen zu lassen.

 
Vorstellung der Programme der Streuobst-Pädagogik

Am Samstagabend wurde das Vortragsprogramm fortgeführt, bei dem ostfriesische Obst-Initiativen im Mittelpunkt standen.

Begonnen wurde mit einem Bericht aus der Praxis der Umweltbildung, in dem die Pädagogin Antje Lübbers Programme der Streuobst-Pädagogik für Kinder und Erwachsene vorstellte, bei denen man mit ausgewählten Aktivitäten, wie beispielsweise die Planung und Umsetzung von Pflanzaktionen sowie Pflege- und Ernte­einsätzen, Streuobst­wiesen rund um das ganze Jahr entdecken und erleben kann.

Anschließend stellten Johannes Bolland und Heike Freese den Verein „Appelhoff“ vor, der sich mit dem Aufsuchen alter ostfriesischer Apfelsorten beschäftigt. In Kooperation mit dem Ökowerk Emden sowie mit der Grundschule Ostrhauderfehn führt man Aktionen wie Führungen über Streuobstwiesen während der Apfelblüte sowie gemeinsame Ernteeinsätze und das Saftpressen durch. Einzigartig ist, dass die geernteten Apfelsorten durch den Bioland-Hof Freese an 23 Schulen im Landkreis Leer verteilt werden, wobei das Angebot von vorrangig alten Sorten dort erfreulicherweise sehr gut angenommen wird.

Hiernach berichtete Gerold Brüntjen in seinem Vortrag „Obstanbau im Nordwesten“ als einer der Mitbegründer des Pomologen-Vereins über frühere Anbaumethoden, die Sortenwahl und über die Geschichte bzw. Entstehung der lokalen Obstsorten sowie über seine Erfahrungen und Probleme mit neuen Sorten und Unterlagen bei den besonderen Boden- und Klimaverhältnissen in der Region.

Nachfolgend schilderte Heinz Herbert Buss vom „Naturhof Buss – Obstbaumschule und Imkerei“ seine Tätigkeiten beim Auffinden und Beschreiben ostfriesischer Apfelsorten sowie den Versuchen, durch Weitervermehrung und Verkauf von Bäumen, diese Sorten vor dem Verschwinden zu bewahren.

Ihm schloss sich Manfred Hallwass mit einer Beschreibung der Obstbaum-Aktivitäten im VW-Werk Emden an, wo man nicht nur 800 Obstbäume für geplante Streuobstwiesen züchtet, sondern auch Schnitt- und Veredlungskurse von Mitarbeitern für Mitarbeiter durchführt.

Manfred Uphoff gab anschließend einen Überblick über neue Streuobstwiesen im Landkreis Aurich, wo man in 2012 begann, auf sechs kleineren Flächen Obstbäume anzupflanzen und wo man innerhalb der letzten sechs Jahre mit Hilfe der Jägerschaft Aurich mittlerweile 108 neue Streuobstwiesen auf einer Fläche von 85 Hektar anlegen konnte!

Abgeschlossen wurde der Vortragsabend von Ingo Rieken und Theo Lüken, die über „Befis Naturgarten“ in Rhauderfehn-Burlage berichteten. Der dort vorbildlich angelegte Naturgarten entstand 2010 und wurde von 4000 m² auf mittlerweile 15000 m² erweitert. Der Naturgarten wurde aufgrund des hohen ehrenamtlichen Engagements der Mitglieder des Vereins mehrfach gefördert und ausgezeichnet. Kernprojekt dieses Naturgartens ist eine Streuobstwiese mit über 60 hochstämmigen Obstbäumen. Ein Lehrpfad mit 14 Stationen schlängelt sich über die Streuobstwiese, entlang eines Flusslaufes durch einen kleinen Wald mit über 100-jährigen Eichen. Auf anschaulich bebilderten Infotafeln werden dort alle wichtigen Elemente des Naturgartens erklärt.

Umfangreiche Sortenausstellung

Während der gesamten Tagung war eine umfang­reiche und sehenswerte Sortenausstellung zu besichtigen, die zahlreiche Apfel-, Birnen- und Pflaumensorten umfasste.

 

Am Sonntag stand bei der diesjährigen Mitgliederversammlung auch die Neuwahl des Vereinsvorstands an.

Der neue Vorstand des PV (von links): Denise Emer (Schriftführerin), Carina Pfeffer (3. Vorsitzende), Sabine Fortak (1. Vorsitzende), Christoph Vanberg (2. Vorsitzender), Jens Meyer (Kassenwart)

Nach 18 Jahren schied Michael Ruhnau als 1. Vorsitzender aus dem Vorstand aus. In seine Zeit der erfolgreichen Vorstandsarbeit fällt u. a. die Unterstützung bei der Dezentralisierung des Pomologen-Vereins durch die Förderung und Strukturierung der Landesgruppen, die der Vorstand mit erarbeitete. Als Vorsitzender leistete er auch einen wesentlichen Beitrag zur stetigen Entwicklung des „Erhalternetzwerkes Obstsorten­vielfalt“. Zudem stieg in seiner Amtszeit die Mitgliederzahl des Pomologen-Vereins von ca. 300 Mitgliedern auf mittlerweile mehr als 1400 Mitglieder an.

Der Pomologen-Verein dankt Michael Ruhnau für sein großes Engagement und seine Verdienste um die positive Entwicklung des Vereins.

Zur neuen 1. Vorsitzenden wurde Sabine Fortak (Bildmitte) gewählt. Dem Vorstand gehören weiterhin an: Christoph Vanberg (zweiter von rechts) als 2. Vorsitzender, Jens Meyer (rechts außen) als Kassenwart, Denise Emer (links außen) als Schriftführerin. Neu im Vorstand ist Carina Pfeffer (zweite von links), die zur 3. Vorsitzenden gewählt wurde.

Carina Pfeffer ist als freischaffende Landschaftsarchitektin tätig, wobei Sie ihr Engagement für den Erhalt alter Obstsorten auch in ihr Berufsleben, beispielsweise bei der Planung von Obstgärten und Streuobstwiesen, einfließen lässt. Sie ist seit 2010 Mitglied im Pomologen-Verein und arbeitet seit 2 Jahren in der Pomologischen Kommission des Pomologen-Vereins mit.

Pomarium Frisiae (Foto: Ökowerk Emden)

Im Anschluss an die Mitgliederversammlung startete die zweite Exkursion zwecks Besichtigung des „Pomarium Frisiae“ (Friesischer Obstgarten) im „Ökowerk Emden“.

Dort hat man als Basis für eine zukünftige Kultivierung mit sortenechten, widerstandsfähigen und schmackhaften Früchten ca. 600 verschie­dene Apfelsorten angepflanzt. Darüber hinaus sind in diesem Obstgarten mit ca. 1000 verschiedenen Obstsorten auch ca. 220 Birnen- und Pflaumensorten sowie zahlreiches Wild- und Strauchobst anzufinden.

Neben dem Erhalt des genetischen Materials von Obstsorten und dem Studium der Eigenschaften der einzelnen Sorten dient der Obstgarten auch der Natur-Pädagogik, indem man das Gelände auch für naturkundliche Angebote für Kindergärten und Schulklassen zur Verfügung stellt.

Der Pomologen-Verein bedankt sich besonders bei Heinz Halfwassen vom „Evangelischen Bildungszentrum Ostfriesland-Potshausen“ für die hervorragende Mithilfe bei der Organisation der Vortragsabende und der Exkursionen.

Die Teilnehmer der Herbsttagung 2018
 

Wer kennt sie noch, die alten Sorten?

Göttin Pomona Skulptur im Schlosspark Harbke auf der barocken Nischenwand aus dem Jahr 1745
Göttin Pomona

Fast unmerklich verschwinden seit Jahr­zehnten die Obstbäume aus Gärten und Wiesen unserer Landschaft. Mit ihnen verschwinden viele der alten Sorten, die von unseren Vorfahren genutzt, sorgsam gehütet und vermehrt wurden. Wer kennt noch den Prinzenapfel, die Kirkes Pflaume, die Muskateller Birne oder die Kirsche Königin Hortense?

Mit ihnen sind auch wertvolle Eigenschaften wie z.B. Krankheitsresistenzen unwieder­bringlich verloren. Die Spezialisierung des Handels auf einige wenige Standardsorten beschleunigt den Verlust der genetischen Vielfalt. Dies geht einher mit dem Verschwinden des selbstangebauten Obstes von unserem Speisezettel als eine Folge vereinheitlichter Supermarkt-Früchte.

Obstsorten sind ein lebendiges Kulturerbe, das wir erhalten wollen. Über 20 Jahre Pomologen-Verein e.V. haben sich gelohnt: Unsere Mitglieder konnten viele Sorten erhalten, neue Pflanzungen anlegen und das Wissen weitergeben.

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Apfelsortenverzeichnis mit 1971 Sorten

Logo National Fruit Collection

Auf der Suche nach alten Apfelsorten hat Willi Hennebrüder in mühevoller Fleißarbeit Seite für Seite von National Fruit Collections, Brogdale Farm, herunter geladen und in eine übersichtliche Datei übertragen. Die Datei wurde ergänzt durch eine Rubrik „Deutsch“. Dort wurden Sorten aufgenommen, die auch in der deutschen Literatur beschrieben worden sind.

Apfelsortenverzeichnis Brogdale als PDF (1,7 MB)

Durch Anklicken der Sortennamen gelangt man auf die Originalseite mit der Sortenbeschreibung.

Vielleicht finden Sie ja dort die eine oder andere verschollene Sorte – z.B. wird eine Lucasrenette aufgeführt, die ansonsten nicht in der deutschen Literatur auftaucht.

Die Brogdale Farm gibt Reiser ab, die aber nicht gerade preiswert sind.


Obstbau-Geschichte

Obstgärtner beim Veredeln, Spätmittelalter
Obstgärtner beim Veredeln, Spätmittelalter

Herbert Ritthaler hat einen geschichtlichen Abriss zusammengestellt, den er leicht abgeändert der Broschüre Pfälzer Obstkultur (erhältlich in unserem Online-Shop) entnommen hat.

Die Obstbau-Geschichte im Überblick als PDF (218 KB)